Die Geschichte geht weiter

Februar 2006


Seit dem letzten Termin in Philadelphia sind jetzt schon 5 Monate vergangen und es ist Zeit, euch alle Neuigkeiten zu berichten. Dieses Mal verging die Zeit wie im Flug. Am Anfang hatten wir viele Probleme, uns an das neue Programm anzupassen und es war auch schwierig, alle neuen Geräte zu besorgen und zu installieren. Der Harness (Sicherheitsgurt) für das Fliegeprogramm musste aus Italien zugeschickt werden und durchlief eine wirkliche Odyssee bevor er bei uns landen konnte. Wir mussten viele solcher Probleme lösen aber keins ließ uns auch nur einen Schritt zurück tun.

Meine Eltern waren für zwei Monate aus Deutschland zu Besuch, halfen bei Allem und versuchten unsere kleine Welt generell in Ordnung zu bringen. Im ersten Augenblick entdeckten sie alle Mängel und Probleme. Aber zwei Monate konnten natürlich nicht ausreichen, um alles in Ordnung zu bringen. Für María und Rosa war der Besuch eine außergewöhnliche Anregung und nach zwei Jahren ohne Ferien war María wieder mal mit ihren Grosseltern im Urlaub.

Es gab aber auch traurige Erlebnisse. Don José María, einer unserer Freiwilligen im Kreuzpatron verstarb nach einer schweren Krankheit. Rosa zeigte viel Größe in dieser Situation. Don José hatte Rosa sehr lieb und wir besuchten ihn täglich. Rosa ging immer direkt an sein Bett und nahm seine Hand. Jetzt ist er nicht mehr da. Aber wir sind sicher, dass er uns vom Himmel aus sieht und wir wünschen seiner Familie alles Glück.

So haben wir auch täglich das Gefühl, dass Ihr uns zuseht und uns begleitet. Von nah oder fern unterstützt Ihr uns mit guten Wünschen, mit Spenden oder direkt bei der täglichen Arbeit mit Rosa, ob es nun die Hilfe bei den Kreuzpatronen oder bei der Vorbereitung des Intelligenzprogramms ist. Für immer Dank an euch alle.


Unsere letzten Erfolge

Vielleicht werdet Ihr erstaunt sein über so viele Einzelheiten. Aber viel habe ich aus den Berichten übernommen, die wir alle zwei Monate an die „Institute für die Förderung des menschlichen Potentials“ schicken. Was Ihr hier lesen werdet ist nur eine kleine Zusammenfassung.

PHYSISCHE ENTWICKLUNG

Vor 5 Monaten konnte Rosa im Durchschnitt 600m in einer halben Stunde laufen. Jetzt läuft Rosa im Durchschnitt 1000 bis 1200m in derselben Zeit auf ebenem Boden. Sie läuft 90 Minuten täglich und versucht schon, ein bisschen zu trotten und zu rennen. Ihr Gleichgewicht ist noch nicht so gut, verbessert sich aber ständig. In Rosas Programm sind auch Gefälle, Anstiege und Laufen im Gelände einbezogen.

Rosas Handgeschicklichkeit hat sich sehr verbessert. Sie hat viel Kraft in ihren Händen und einen festen Griff. Zwanzigmal täglich hängt sie sich an einer Stange auf und hat gelernt, ihr eigenes Körpergewicht für 3 Sekunden völlig selbst zu übernehmen. Als Folge ihrer Anstrengung kann sie jetzt Daumen und Zeigefinger im Pinzettengriff zusammenführen.

In der letzten Zeit kann sie besser die Seiten ihrer Bücher umblättern und schon seit langer Zeit zerreißt sie sie nicht mehr, was sie früher so gemacht hat aus der Verzweiflung heraus, dass sie nicht weiterblättern konnte. Sie kann jetzt auch mit einem Stock auf eine Piñata hauen, wir auf der Weihnachtsfeier im Kinderheim MANOS AMIGAS gesehen haben. ( Piñata: Mexikanische Sitte; auf Kinderfeiern wird ein mit Süßigkeiten gefüllter und geschmückter Tontopf zerschlagen. )

Wir machen auch weiterhin das gravitätsfreie Programm. Diese lustigen Flüge füllen ungefähr anderthalb Stunden unserer täglichen Zeit aus und helfen, Rosas Gleichgewicht zu verbessern.







 

PHYSIOLOGISCHE ENTWICKLUNG

Während des letzten Aufenthaltes in Philadelphia wurde uns der Atempatron verschrieben. Plötzlich hatte ich zwei Stunden täglich Zeit für Rosa, um alles mit ihr zu machen, was ich vorher nicht konnte.

Meistens machte ein Freiwilliger zusammen mit Papa den Patron damit ich für Rosa frei sein konnte. Ich zeigte ihr eine Menge von Büchern, Fotos und Meisterwerken (sie mag Diego Rivera und Salvador Dalí), wir machten Mathematik mit Punkten und natürlich die kurzen Lesesitzungen.

Jetzt macht eine Atemmaschine für uns den Patron. Rosa schläft in ihr die ganze Nacht und auch während des Mittagsschlafes.



beim Atempatron



 

Außerdem macht Rosa weiterhin 50 Atemmasken täglich. Die Masken verbessern die Sauerstoffversorgung ihres Gehirns und für eine bessere Koordination sind wir immer noch mit 6 Kreuzpatronen dabei.

Noch eine gute Nachricht: Rosa ist das ganze Jahr lang nicht krank gewesen.

INTELLEKTUELLE ENTWICKLUNG

In diesem Behandlungsabschnitt legten wir besonderen Wert auf das Intelligenzprogramm und konnten uns auch viel besser organisieren.

Rosa kommuniziert jetzt mit uns über eine Auswahltafel. Ich schreibe ihr zwischen 2 und 10 mögliche Antworten einer Frage auf und Rosa zeigt auf ihre Antwort.

¿Te gustó el libro?
(Gefällt Dir das Buch?)



¿Que quieres hacer?
(Was möchtest Du machen?)



¿Quién fue la esposa de Diego Rivera?
(Wer war die Ehefrau von Diego Rivera?)


 

Wir wussten schon immer, dass Rosa sehr intelligent ist, konnten uns aber nie vorstellen, dass sie ein so großes Verständnis- und Lernvermögen hat. Sie weiß fast alles, was ich ihr in den Lesesitzungen beibringe: Ob der afrikanische Elefant kleine oder große Ohren hat, dass Vincent van Gogh Maler war und in Holland lebte, dass der Wal ein Säugetier ist u.s.w..

Sie kann auch Fragen beantworten, deren Antworten wir ihr nie direkt gesagt haben: In welcher Stadt ihr Vater geboren wurde, wie alt ich bin, aus welchem Land die ausländischen Freiwilligen kommen, die mit uns zusammen arbeiten.

Sie drückt eindeutig ihre Gefühlsstimmung aus: Ob sie böse, traurig oder gelangweilt ist und hat auch ihre eigene Meinung: Ich, ihre Mutter bin hübsch, aber zu dünn. Sie weiß natürlich ihr eigenes Alter und das von María.



 

Rosas Sprache hat sich sehr verbessert. Wenn ich ihr Bücher zeige, die sie schon gesehen hat, „liest“ sie laut. Ich habe ein Buch, wo viel das Wort Wasser (aqua) vorkommt uns sie “liest” es auf diese Weise: dadadadla la pa ba ..aqua. Sie versucht eindeutig bestimmte Wörter auszusprechen und manchmal können wir schon eine Ähnlichkeit heraushören.



 

Sie benutzt auch bestimmte Zeichen: für Küsschen, Essen, Hände waschen, schöne Musik usw.

Bis jetzt hat Rosa 3926 einzelne Wörter gesehen (3442 spanisch, 484 deutsch), 1683 Sätze und 130 hausgemachte Bücher. Wir haben die Schriftgröße auf 1.2cm in Grossbuchstaben und 0.8cm in Kleinbuchstaben runtersetzen können.

Rosa sucht und zeigt die Wörter in einem Text bis zu 25 Wörtern. Sie will jetzt nicht mehr, dass wir ihr die Sätze vorlesen. Sie will selbstständig lesen, obwohl es ihr noch nicht immer vollständig gelingt.

Rosa versteht alles im Spanischen, auch wenn wir sehr schnell oder leise sprechen. Sie versteht auch viele einfache Sätze auf Deutsch.

Sie ist jetzt fast 6 Jahre alt, hat aber genauso ein großes Allgemeinwissen wie ihre 8 Jahre alte Schwester María und ist dabei, die Schulbücher der dritten Klasse zu studieren, besonders Naturwissenschaften und Geschichte. Ich wollte in der ersten Klasse anfangen, was aber zu langweilig für Rosa war.

Ich wandele die Schulbücher in hausgemachte Bücher um, in dem ich die Bilder einscanne und den Text in großer und dicker Schrift neu schreibe. So kann Rosa die Information lesen und María lernt auch leichter auf diese Art und Weise.

Rosa interessiert sich sehr für Naturwissenschaften, den menschlichen Körper, Verdauung, Ernährung, das Herz, Schwangerschaft usw.. Ich mache ihr auch viele Bücher über das Leben und Werk von Künstlern, über ihr Programm, über ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie. In der letzten Zeit mache ich auch Bücher über Probleme, wie Krieg, Umweltverschmutzung usw.

Damit Rosa ihre Bücher interessant findet, müssen sie voll von aufregenden Einzelheiten sein.

Sie ist sehr gut in Geografie, weil ich jedes Mal, wenn ich einen Ort erwähne, auf der nächsten Seite eine Landkarte einfüge. Das Gute ist, dass Rosa mir „sagt“, ob sie versteht oder nicht, ob sie einen Text alleine lesen kann oder nicht und welcher Schrifttyp ihr besser gefällt.

Jedes einzelne Wort, das in ihren Büchern und Sätzen auftaucht, wird zuerst einzeln eingeführt. Mein Vater hat mir während seines Aufenthaltes ein Computerprogramm geschrieben, was mir automatisch die Wörter in einem Text anzeigt, die Rosa schon gesehen hat. Das hat mir sehr die Arbeit erleichtert und wir können jetzt immer sicher sein, dass Rosa alle notwendigen Wörter gelernt hat, bevor sie ein neues Buch sieht.

Rosa hat außerdem großes Interesse an Mathematik, erkennt leicht Mengen und kann kleine Probleme lösen: 4+5=9 usw. Sie hat aber noch Probleme mit großen Mengen (mehr als 30).

Sie blättert gern in Büchern und sieht auch gern Filme, wobei sie eine Vorliebe für die Dokumentarfilme von Discovery Channel hat.





Rosa hat aber noch große Probleme beim Sehen. Die Pupillen beider Augen gleiten häufig ab und sie muss sich anstrengen, ihren Blick auf einen Gegenstand zu richten. Sie hat kein Tiefensehen, kann also nicht dreidimensional sehen. Sie orientiert sich mehr durch den Tastsinn und schaut nicht auf den Boden beim Laufen. Tiefhängende Zweige oder Pflanzen, die in ihrem Blickfeld auftauchen, bringen sie zum Blinzeln und verwirren sie.



Umso intelligenter Rosa ist, um so mehr leidet sie unter ihren Einschränkungen, ihre Intelligenz auszudrücken, zum Beispiel, dass sie noch nicht sprechen kann.

Sie ist dabei zu lernen, sich sozial anzupassen und im Zusammenleben mit den Anderen, bestimmte Regeln zu befolgen. Ich mache ihr viele Bücher zu dem Thema: Wie man richtig isst, Kommunikation u.s.w.

Manchmal fixiert sich Rosa sehr auf bestimmte Aktivitäten oder Sachen und kann sie nicht mehr sein lassen. Zum Beispiel, wenn sie einen Besen sieht, muss sie mit ihm fegen und kann es nicht mehr sein lassen.




 

Wenn sie etwas sieht, dass sie vor sich herschieben kann, muss sie das machen und es ist schwierig für sie, es bleiben zu lassen.

Wir hoffen auch diese und andere Probleme zu überwinden und Rosa eines Tages mit anderen Kindern spielen zu sehen auf ganz natürliche Art und Weise, so wie es ihre Schwester María macht.

Maria ist bei allem dabei und findet auch Freude am Intelligenzprogramm. Sie fährt gern Fahrrad (Opa hat es ja nun in Ordnung gebracht) und mag auch alle anderen sportlichen Aktivitäten. Sie ist jetzt viel besser in der Schule und zu Weihnachten hat sie in zwei Theaterstücken mitgemacht (als Rudolf das Rentier und als Engel). Die Kostüme waren ein spezielles Design ihrer Grosseltern.



Papa hat sich in diesem Behandlungsabschnitt eine Goldmedaille verdient. Darinel nimmt viel mehr am Programm teil und hat es manchmal über Tage völlig allein gemacht, während ich am Intelligenzprogramm arbeitete oder einige Sachen für Vientos Culturales in Ordnung brachte.

Jeden Tag genießen wir es mehr, eine spezielle Familie zu sein und all die Kraft zu entdecken, die wir in uns tragen.

Diese Kraft kommt aber auch von Euch.
Von Neuem ein Bitteschön! Der nächste Termin ist nah.
Wir reisen am 25. Februar nach Philadelphia.

Herzlichst
Elke, Darinel, María und Rosa (Februar, 2006)

 

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